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Andreas Bohnenstengel (2001): Als erstes bekam ich eine Ohrfeige. Ein Mädchen, das mit Freundinnen an der Hauswand der Asylunterkunft gelehnt hatte, trat auf mich zu und klebte mir eine. Es hatte weder eine Vorwarnung gegeben, noch einen Anlaß.

Ich weiß nicht mehr genau, was ich in dem Moment alles dachte, eines wurde mir im Laufe dieses meines ersten Tages in der Asylunterkunft klar: Kinder reagieren ohne Filter auf ihr Umfeld. Wenn sie nicht ohnehin offensiv mit einer Situation umgehen, so gibt in jedem Fall ihre Mimik und Gestik Auskunft über ihre Befindlichkeit. Ich wurde als Eindringling empfunden, als Repräsentant einer Gesellschaft, die ihnen mit kaum etwas anderem als Verachtung begegnet

Damals war ich einer von unzähligen Fotografen, die im Jahr 1993, anläßlich der nicht enden wollenden Diskussion um die Grundgesetzänderung zum Asylrecht, versuchten, Fotos zu dem Thema zu machen.

Durch dieses Schlüsselerlebnis – die Ohrfeige – wurden die Weichen gestellt für meine weitere Arbeit. Es wurde mir klar, daß ich meine Fotos nur unter einer Voraussetzung machen konnte: es mußte mir gelingen, mich in den Alltag der jungen Bewohner zu integrieren. Wochenlang bin ich mitgezogen und ganz unmerklich eingetaucht in die Welt der Kinder – bis ich eines Tages nicht mehr als Fotograf, der von außen kommt, wahrgenommen wurde. Ich wurde Teil verschiedener kleiner Gruppen, es entwickelten sich so etwas wie Partnerschaften, z. B mit einem Jungen, der begann, mir die Fotoausrüstung zu tragen. Die alltägliche Tragik dieser in sich geschlossenen Welt: mein kleiner Assistent war von einem Tag auf den anderen nicht mehr da. Keiner wußte, wo er geblieben war, vermutlich waren er und seine Familie abgeschoben worden.

Die kleinen Freundschaften konnten entstehen, weil meine Vorgehensweise geprägt war von äußerster Zurückhaltung. Ich habe nie eingegriffen in die Gruppenabläufe – nur aufgegriffen, was passierte.

Meine Bilder allerdings sind nicht einfach nur beiläufig entstanden, sondern durch sehr gezielte journalistische Herangehensweise. So habe ich die Brennpunkte im Haus am eigenen Leib erfahren: die mangelhafte Ausstattung der Wohneinheiten, 16 Quadratmeter für eine Familie mit sechs Personen, wohnen, essen, schlafen – teilweise in Schichten.

Nichts konnte dem Begriff „kindgerecht“ zugeordnet werden. Die elektrischen Leitungen an den Wänden mangelhaft isoliert, die Toiletten in unzumutbarem Zustand, der zwar vorhandene Garten voll gestellt mit Schrott der ehemals dort befindlichen Fabrik, die zur Asylbewerberunterkunft umfunktioniert worden war. Der Zaun zur benachbarten Wohnanlage war mehrfach mit Stacheldraht umgeben, nicht nur unmittelbar, auch noch in Rollen hinter der eigentlichen Abzäunung. Die Assoziation zum Gefängnis drängte sich auf, und die Spannungen, Brutalitäten, Aggressionen standen dem in nichts nach.

Diese Aggressivität der Kinder hat auch in mir einen Prozess in Gang gesetzt, mein Verhalten verändert. An die Grenze des „Sich-Zurücknehmens“ stieß ich,, als die Kinder begannen, meine Kameraausrüstung auseinander zu nehmen, als ein Objektiv – nicht versehentlich – zu Bruch ging. Es wurde kaputt geschlagen, und damit war für mich die Ohrfeige wieder präsent. Wie soll man reagieren auf den unschuldigen Blick aus großen Kinderaugen eines vierjährigen Mädchens? An dieser Stelle setzt der Beginn von Sanktionen ein: ich habe die Kinder ziemlich heftig gekitzelt. Interessant war, daß diese Sanktion übernommen wurde, daß sich die Kinder von da an untereinander gekitzelt statt geschlagen haben.

Das Thema „Asyl“ war über ein Jahr lang beherrschend in Deutschland – aber meine Bilder wollte zunächst keiner haben. Ich hatte sie mehreren namhaften Magazinen gezeigt, die Reaktion war stets gleich ablehnend: sie hätten schon zu viele Geschichten zu diesem Thema angeboten bekommen und kritisierten die ästhetische Qualität.

Das Magazin der Süddeutschen Zeitung hatte meine Reportage ebenfalls zuerst abgelehnt, wollte nach ein paar Monaten die Geschichte plötzlich aber ganz unbedingt haben. Den Text schrieb damals Axel Hacke. Die Fotografien wurden ein Jahr später mit dem Medienpreis für Sozialfotografie ausgezeichnet und seither immer wieder veröffentlicht und ausgestellt.

München, 7.3.2001

IchAndreas Bohnenstengel, 1993

Besonderer Dank geht an Felix von Solemacher, dem Sozialabeiter im Haus Betram. der die Langzeitdokumentation mit all seiner Kraft begleitet und unterstützt hat.

asyl02 - 62bFelix von Solemacher, 1993